Da werde ich gefragt, etwas zum Thema Ruhe zu schreiben und lache erst einmal laut los.

Denn Du musst wissen, ich bin Mama eines Kleinkindes des Modells Duracell – Engergietank unerschöpflich – dabei bin ich als Psychotherapeutin in eigener Praxis berufstätig, veröffentliche als Wissenschaftlerin Artikel und arbeite als Dozentin an verschiedenen Hochschulen und zu guter Letzt bin ich mit einem selbständigen Unternehmer verheiratet. Als Topping unserer Situation darfst Du dir jetzt noch den Corona Lock-Down ohne Kinderbetreuung vorstellen.

Ruhe – ja – das war ganz bestimmt das, wonach wir uns gesehnt haben!

Doch dann erinnere ich mich an die Zeit des Lock-Downs – ja, es war unheimlich anstrengend, 24/7 eingebunden zu sein, Aufgaben zu bewältigen und zu versuchen, die Dinge, so gut es ging, am Laufen zu halten.

Und das war eben der Punkt – so gut es ging!

Dann blieben Dinge einfach auch mal liegen, dann wurde die Wäsche später gewaschen, der Einkauf ab 23:00 Uhr erledigt (Dank an die Mitarbeiter in den Supermärkten!) und die Welt drehte sich zu meinem Erstaunen doch weiter, die Katastrophe blieb aus!

Ja, gerade dieses „einfach einmal etwas liegenlassen können“ und stattdessen das Fahrrad nehmen und mit dem Kind einen Ausflug machen, durch die Landschaft radeln und dabei einmal tief durchatmen – das war ein Moment des zur Ruhekommens in dem ganzen Aufgabenstrudel. In den herrlich blauen Himmel zu sehen, die Vögel zwitschern zu hören und Gott für dieses herrliche Geschenk der Natur und der ungeahnt verfügbaren Zeit zu danken – das war wundervoll.

Denn sind es nicht unsere hohen Ansprüche an uns selbst – der Anspruch, alles unter einen Hut bringen zu wollen, es perfekt machen zu wollen, – die uns daran hindern, „einfach“ einmal zur Ruhe zu kommen? Die Gesellschaft verlangt Frauen in dieser Hinsicht auch sehr viel ab. Frauen sollen liebevolle, aufopferungsvolle Mütter sein, sie sollen den Haushalt im Griff haben, beruflich auch ihren Weg gehen und dem Manne eine Stütze sein und am besten dabei immer gut gelaunt und gut aussehend. D.h. sowohl wir selbst als auch unser gesellschaftliches Umfeld formulieren diese Ansprüche.

Bleibt nur die Frage: Warum wollen wir diese eigentlich erfüllen?

Die Antwort ist so simpel wie grundlegend: Weil wir uns alle nach Anerkennung, Respekt, Wertschätzung, Liebe sehnen und danach, Bedeutung zu haben. Das stärkt unseren Selbstwert.

Immer wieder fällt mir ein Lied von Cae Gaunt ein: „Wer legt den Selbstwert fest jenseits von Geschlecht, von Geld und Leistung, Gott, der Dir sagen lässt – lass Dich nicht von Zwängen (Ansprüchen) jagen – du darfst ganz Du selber sein. Gott meint, was er sagt, tut mehr als ich kann und was er für mich will, gibt mir eine Chance auf erfülltes Leben.“

Und dieses Innehalten zu hören, wie Gott sagt: „Lass Dich doch nicht von Zwängen/Ansprüchen jagen“ – das zieht den Stöpsel, das hält das Karussell an und ich spüre, wie meine Seele zur Ruhe kommt. Da kommt wieder die göttliche Ausrichtung in mein Leben. Er sagt: „Ich liebe Dich, Du bist mir wertvoll, lass mich doch Dinge für Dich tun“. Denn schließlich war ich und die gesamte Welt Gott, dem Vater, seinen einzigen und innig geliebten Sohn wert.  Das ist an Wertschätzung einfach nicht zu toppen.

Doch scheint mir neben dem Thema Selbstwert auch eine Fähigkeit besonders wichtig, um zur Ruhe kommen zu können. Das ist die Fähigkeit, mir selbst und anderen Grenzen zu setzen. Jeder von uns hat andere Dinge, die ihn entspannen oder zur Ruhe bringen. Bei mir ist es die Natur und die Bewegung in der Natur. Seit neuestem nehme ich mir, nachdem ich mein Kind in den Kindergarten gebracht habe, Zeit, um eine halbe Stunde durch den Wald zu joggen. Das klingt für manche relativ unspektakulär, aber für mich hat es eine Menge an innerer Überzeugungsarbeit bedurft. Die inneren Dialoge hörten sich unter anderem folgendermaßen an: „Kann ich mir das überhaupt erlauben? Auf meinen Schreibtisch stapelt sich die Arbeit, der Garten braucht mich, das Email-Postfach will auch abgearbeitet werden, das und das müsste ich noch vorbereiten…“

Dann gab es noch die soziale Variante des inneren Dialogs: „Welche Frau hat schon den Luxus, das morgens zu tun? Kann ich das Handy im Auto lassen; was ist, wenn jemand mich dringend braucht?“ Plötzlich war es so deutlich: Ich muss die Grenze setzen und sagen: „Diese Zeit des zur Ruhekommens ist wichtig und diese Grenze setze ich mir und anderen.“ – Eine Auszeit ohne schlechtes Gewissen! Für andere bedeutet diese Grenze vielleicht, ohne schlechtes Gewissen nicht ständig alle Nachrichten auf Facebook, Instagram, Twitter oder anderen social media Kanälen zu bedienen – eine Auszeit zu machen und anderen aus meinem Studium oder Freundeskreis eine Grenze zu setzen, nicht überall dabei sein zu müssen. Grenzen tun uns gut, um zur Ruhe zu kommen.

Die letzte Station am Tag ist das Gute-Nacht-Ritual mit meinem Sohn. Dann beten wir zusammen und danken Gott für die Dinge am Tag und ich singe, da ich Lobpreis liebe, Lieder für und mit ihm und immer wieder spüre ich, wie der Heilige Geist kommt, mir Texte wichtig macht, zu mir spricht und ich ganz ausgerichtet und ruhig werde in dieser Zeit, wo alles still wird und er mich und meinen Sohn zur Ruhe bringt.

Fazit: Es gibt sie doch, die Ruhe, nach der wir uns sehnen!

Sonja Friedrich-Killinger

Dr. Sonja Friedrich-Killinger ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und ist in der Therapieausbildung tätig. Ihre große Leidenschaft ist es, Multiplikatoren auszubilden. Als Wissenschaftlerin interessiert sie alles rund um das Thema Religion und Bindung. Als ausgebildete Wohn- und Architekturpsychologin hat sie Sinn für Schönes. Sie ist mit ihrem Mann Johannes Killinger verheiratet und lange Jahre im Lobpreis tätig gewesen, spät, aber glücklich, sind sie Eltern eines kleinen Sohnes geworden.

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