Nicht nur social distancing und die globale Pandemie haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich einsamer fühlen – es ist eigentlich ein Thema, das unsere Gesellschaft schon seit Jahren beschäftigen sollte. Es ist zwar etwas gewagt, aber man könnte auch meinen, dass Einsamkeit und der dadurch entstehende Stress, die eigentlich noch größere Gesundheitskatastrophe ist. Ärzte und Psychologen sehen einen immer größeren Zusammenhang zwischen körperlichen Erkrankungen und einer einsamen Seele. Mit zunehmender Einsamkeit steigt nicht nur das Risiko für Abhängigkeiten (Medikamente, Alkohol, Drogen, Essen, …), um den Schmerz der Einsamkeit irgendwie zu betäuben, sondern auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression, Diabetes, Übergewicht und natürlich auch Angststörungen. Eine Befragung von 30.000 Deutschen, die bereits im Sommer 2019 durchgeführt wurde, zeigte, dass ich jeder 10. einsam fühlt. Damit sind nicht Momente der Einsamkeit gemeint, die wir alle kennen, sondern wirklich anhaltende Gefühle von Einsamkeit. Wie sieht das wohl jetzt nach bzw. im Lockdown aus?

Als Psychologin liebe ich es, wenn die Wissenschaft bestätigt, was Gott uns schon in seinem Wort gesagt hat. In 1. Mose 1,27 lesen wir, dass Gott uns in seinem Ebenbild geschaffen hat. Das bedeutet, dass der dreieine Gott, das Beziehungswesen schlechthin, uns ebenfalls als Beziehungswesen geschaffen hat. Nur ein Kapitel später, in 1. Mose 2,18 erschafft Gott die Frau, weil er sieht, „dass es nicht gut ist, dass der Mensch alleine sei“. Als Beziehungswesen entsteht psychischer Stress, wenn wir dauerhaft alleine sind und wir erleben das als Gefühl der Bedrohung, was letztlich zu (chronischen) Einsamkeitsgefühlen führt.

Wie einsam ich mich fühle, ist jedoch erstmal unabhängig davon, ob oder mit wie vielen Menschen ich umgeben bin. Einsamkeit beschreibt vielmehr den gefühlten Unterschied zwischen Beziehungen, die man braucht und den sozialen Interaktionen, die man hat. Das bezieht sich sowohl auf die Menge an Kontakten als auch deren Qualität. Die Qualität der Beziehungen ist dabei aber auch von der Qualität der Beziehung zu sich selbst abhängig – davon, wie ich mich selbst sehe, was ich über mich denke und wie ich mit mir selbst umgehe. Einsamkeit ist also ein subjektives Gefühl. Man kann auch mit sehr wenigen Menschen umgeben sein, und sich nicht einsam fühlen. Oder andersherum – von sehr vielen Menschen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen.

Generell fällt es den meisten von uns total schwer, überhaupt zu merken und zu äußern, wenn sie sich einsam fühlen. Stattdessen, kommen häufig Gedanken oder Aussagen, wie: „Wenn ich morgen verschwinden würde, würde es keinen großen Unterschied machen“, oder „Ich habe das Gefühl eine Riesenlast alleine tragen zu müssen.“ „Ich fühle mich unsichtbar.“ Einsam zu sein ist auch sehr stigmatisiert, denn oft ziehen wir den falschen Schluss: „Wenn ich einsam bin, kann ich nicht liebenswert sein.“ „Ich störe und bin wertlos, ungeliebt und unattraktiv. Mit mir kann und will keiner zu tun haben.“

Mein Herz ist so berührt von den Gesprächen, die ich mit Singles und Alleinlebenden über die letzten Monate hatte und deshalb liegt es mir besonders am Herzen, das Thema Einsamkeit anzusprechen. Denn gerade unter Christen, kann es extrem schwerfallen, vor sich selbst oder anderen zuzugeben, dass man sich einsam fühlt, denn Jesus ist ja immer da. Das kann viel Druck machen, weil wir als Christen uns doch gar nicht einsam fühlen „dürfen“. Unser Kopf weiß zwar, dass wir nicht alleine sind und auch unsere Herzen hatten sicher schon eine Offenbarung davon, dass Gott uns immer zur Seite steht und doch ist es völlig normal und auch absolut legitim, sich als Christ in dieser Welt einsam zu fühlen.

Wenn es aber so schwer ist, überhaupt darüber zu sprechen, woran können wir denn erkennen, ob wir oder andere einsam sind?

Ganz oft bemerken wir zunächst einmal, dass wir total müde und erschöpft sind, nervöser und leichter reizbar werden, dass wir uns innerlich leer fühlen, Probleme beim Einschlafen haben und sogar häufiger daran denken, zu sterben.

Hieraus entsteht ziemlich schnell ein ganz blöder Kreislauf. Aus einer relativ „harmlosen“ Situation, in der ich alleine bin (vielleicht hat jemand ein Treffen abgesagt, ich muss auf der Arbeit etwas alleine machen, mein Partner ist auf Geschäftsreise etc.), kommen schnell Gedanken, wie „ich bin wertlos/unwichtig/unattraktiv/…“. Natürlich ist uns bei solchen Gedanken nicht danach, mit jemandem zu sprechen und wir ziehen uns eher zurück. Auf Dauer führt das leider aber auch dazu, dass sich unsere Freunde immer weniger melden, weil ja fast nichts mehr zurückkommt. Die Konsequenz ist dann, dass ich tatsächlich alleine bin und mich richtig einsam fühle.

Ein Freund von mir hat es so ausgedrückt: „Das gefühlte Alleinsein wird dann zu einem realen Alleinsein. Man schließt sein Herz ein und vereinsamt am Ende wirklich.“ Das Problem ist, dass chronische Einsamkeit tatsächlich unsere Gehirnstrukturen dauerhaft verändern kann, was es superschwer macht, da wieder herauszukommen. Aber es ist absolut möglich. Wie das aussehen kann, hängt ein bisschen davon ab, um welche Art von Einsamkeit es sich handelt, bzw. welche Art von Beziehungen uns fehlen:

Wir brauchen Vertrauenspersonen, z.B. einen Partner oder besten Freund, mit dem wir unser Innerstes teilen können und uns verletzlich machen können. Dann brauchen wir richtig gute Freundschaften, Kameradschaft und Menschen, die mit uns ihr Leben teilen. Drittens gibt es jedoch auch die kollektive Einsamkeit – wir haben einen Hunger nach einem Netzwerk und einer Gemeinschaft von Menschen, die gleiche Werte, Interessen und Ziele verfolgen.

Wenn es uns in einem dieser drei Bereiche mangelt, können wir durchaus in Partnerschaften sein und uns trotzdem sehr einsam fühlen, was dazu führen kann, dass sich das Gegenüber ebenfalls als Versager fühlt. Was können wir also tun, um den Weg aus der Einsamkeit zu finden?

Zunächst dürfen wir uns ganz gewiss sein, dass Jesus diese Gefühle total gut verstehen kann, weil er es selbst als Mensch erlebt hat. Zum einen am Kreuz, die absolute Verlassenheit und zum anderen aber auch in der Wüste (Matthäus 4): Wie oft geht es uns so, dass wir in der Einsamkeit versucht werden, uns von der Wahrheit abzuwenden, die Gott uns gegeben hat? Jesus erwidert dem Teufel immer wieder: „Es steht geschrieben…“, das heißt, auch wir müssen die Wahrheit kennen, damit wir in diesen Zeiten der Versuchung an der Wahrheit festhalten können. Wir müssen wissen, wie Gott uns sieht und was er über uns sagt. Denn sonst kommt die Einsamkeit immer mit der Versuchung, negative oder falsche Dinge über uns zu denken, die sich schnell tief in unserem Gehirn verankern können. Wir dürfen also ehrlich mit diesen Gefühlen zu Gott kommen und unser Herz an Seine Versprechen erinnern. In Psalm 68,7 (NGÜ) steht beispielsweise, dass Gott den vereinsamten Menschen ein Zuhause schenkt, Gefangene führt er in Freiheit und Wohlergehen. Einsamkeit bewegt das Herz Gottes zutiefst und ich glaube deshalb ist ihm auch die Kirche so wichtig! Gott nimmt uns auf in seine geistliche Familie und das findet auf der Erde ihren Ausdruck in der Kirche. Wie wunderschön ist das? Es ist also umso wichtiger, gerade in Zeiten wie diesen, Teil einer Kirche zu sein und andere einzuladen, das Wunder der Gemeinschaft zu erleben und Heilung zu finden (Hebräer 10,24).

Gerade in dieser Zeit können wir Menschen, die einsam sind, vor allem helfen, indem wir einen sicheren Raum bieten, überhaupt über diese Gefühle zu sprechen. Geteilte Einsamkeit ist Gemeinsamkeit. Du darfst aber auch verstehen, dass du einer anderen Person nicht dauerhaft das Gefühl der Einsamkeit nehmen kannst. Dazu braucht es auch eine Entscheidung der Person selbst. Du kannst ihr aber helfen, ihren Wert in Jesus zu verstehen und erkennen und sie an die Wahrheit erinnern. Du kannst sie zu Treffen einladen, sie anderen Freunden vorstellen und ihr helfen, selbst zum besten zukünftigen Partner zu werden. Und – lass mich dich einladen, wach und sensibel für den Heiligen Geist zu sein. Er wird dir Menschen aufs Herz legen und dir zeigen, was du konkret tun kannst. Vielleicht ist es nur eine Sprachnachricht, eine kleine Karte, ein kurzer Spaziergang, ein Gebet im Stillen, ein kurzes Gespräch auf dem Weg zur Arbeit oder was auch immer… es kann so kraftvoll für die andere Person sein und sie daran erinnern, dass sie tatsächlich nicht alleine ist. Gemeinsam können wir diese kollektive Einsamkeit in Gemeinsamkeit verwandeln.

Bekky Haas ist Psychologin und angehende Psychotherapeutin. Sie ist leidenschaftlich dafür, Menschen zu helfen, in ein Leben mit mehr Freiheit, Freude, mentaler Gesundheit und Stärke zu treten. Es gibt für sie nichts Schöneres, als diesen Prozess begleiten zu dürfen und ihre Plattform auf Instagram dafür zu nutzen (@bekkyhaas). Gemeinsam mit ihrem Mann Ben und ihrer neugeborenen Tochter Linnea Joy genießt sie das Leben am schönen Bodensee.

 

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